Was Trading-Einsteiger wirklich bremst — Auswertung von 45 Gesprächen
Februar 2026 – Felix Hövelborn · 6 Min Lesezeit
Seit Juli 2025 führe ich persönliche Gespräche mit Menschen, die Trading lernen wollen — bevor sie Teil unserer Community werden. Irgendwann habe ich angefangen, mir Muster aufzuschreiben. Ich habe 45 dieser Gespräche genauer analysiert.
Das hier ist, was dabei herausgekommen ist.
Wer spricht eigentlich mit mir?
Bevor ich zu den Problemen komme, ein kurzer Blick auf die Menschen dahinter.
Alter: 25 bis 67 Jahre, Schwerpunkt 40–55 Jahre. Diese Gruppe macht schätzungsweise 60% der Gespräche aus.
Geschlecht: 89% männlich. Das deckt sich mit der Branche — überrascht mich aber trotzdem jedes Mal ein bisschen.
Beruf: Quer durch alle Branchen. Ingenieure, Bauleiter, Selbständige, Akademiker, Bundeswehrsoldaten, Gastronomen. Gemeinsamer Nenner: Vollzeitbeschäftigt, mit Familie, wenig Freizeit.
Erfahrung: Die meisten sind keine absoluten Anfänger. Ca. 40% haben bereits erste Trades gemacht, Demo-Konten getestet oder Theorie konsumiert. Aber profitabel? Fast niemand.
Das ist der entscheidende Punkt. Es sind keine Leute, die noch nie von Trading gehört haben. Es sind Leute, die es bereits versucht haben — und nicht vorangekommen sind.
Problem 1: Informationsüberflutung (ca. 75%)
Das ist mit Abstand das häufigste Thema. Drei von vier Personen beschreiben es auf die eine oder andere Weise.
„Jeder sagt was anderes."
„Ich komme vom Hundertsten ins Tausendste."
„Ich habe schon 15–20 Stunden Theorie pro Woche reingesteckt — aber ich komme nicht voran."
Das Paradoxe: Es fehlt nicht an Information. Es gibt mehr kostenlose Trading-Inhalte als je zuvor. Das Problem ist die fehlende Struktur, die dabei hilft, diese Informationen zu gewichten.
Wer kein Fundament hat, kann nicht beurteilen, welcher YouTuber Recht hat. Also konsumiert man weiter — und wird verwirrter, nicht klarer.
Was dahintersteckt: Informationsüberflutung ist kein Wissensproblem. Es ist ein Filter-Problem. Wer nicht weiß, was wichtig ist, dem hilft mehr Content nicht weiter.
Problem 2: Keine Strategie, kein System (ca. 60%)
Eng verwandt mit Problem 1 — aber nicht dasselbe.
„Es war noch nichts dabei, wo ich sage: Das ist meine Strategie."
Sechs von zehn Personen können mir nicht sagen, nach welchen klaren Regeln sie traden. Sie haben Ideen, Ansätze, Dinge die sie mal ausprobiert haben. Aber kein konsistentes System, das Antworten auf die vier Grundfragen jedes Trades liefert:
- Wann gehe ich rein?
- Wann gehe ich raus?
- Wie viel riskiere ich?
- Wann ist der Markt gerade nicht handelbar?
Ein System beantwortet alle vier Fragen einheitlich. Eine Sammlung von Taktiken beantwortet jede Frage aus einer anderen Quelle.
Problem 3: Emotionale Trading-Fehler (ca. 55%)
Über die Hälfte der Gespräche drehen sich irgendwann um Emotionen — auch wenn das Wort selbst selten fällt.
„Ich merke, dass ich in emotionale Muster hineinrutsche."
„Ich habe Verluste einfach laufen lassen, weil ich dachte, es dreht sich noch."
„Wenn es läuft, mache ich zu früh zu."
Das sind klassische Verhaltensmuster: Verlierer zu lange halten (Hoffnung, dass es dreht), Gewinner zu früh realisieren (Angst, den Gewinn zu verlieren), impulsiv einsteigen ohne klares Setup.
Was mich dabei auffällt: Die meisten wissen, dass sie es tun. Sie können es benennen. Aber das Wissen ändert das Verhalten nicht — weil kein System da ist, das die Entscheidung abnimmt.
Emotionale Fehler sind fast immer ein Symptom fehlender Regeln. Wer ein klares System hat, hat weniger Raum für emotionale Entscheidungen.
Problem 4: Zeitmangel (ca. 50%)
Die Hälfte der Menschen bringt Zeit als Problem. Meistens so:
„Ich komme erst um 18 Uhr nach Hause."
„Dann sind die Kinder da, das Abendessen, das Chaos."
„Bis ich am Rechner bin, ist es 20 Uhr."
Das Problem dabei: Die meisten stellen sich Trading als etwas vor, das Stunden am Tag erfordert. Intraday-Daytrading, Bildschirm im Büro, Positionen live im Blick halten.
Swing Trading am Ende des Tages funktioniert anders. Die Analyse erfolgt nach Börsenschluss — wenn die US-Märkte geschlossen haben und die Kerzen ausgebildet sind. Das braucht 30 bis 60 Minuten. Nicht mehr.
Für Berufstätige ist das ein fundamental anderes Modell als das, was die meisten sich unter Trading vorstellen.
Problem 5: Kein Risikomanagement (ca. 45%)
Fast jedes zweite Gespräch enthält eine Variante dieses Satzes:
„Wenn ich Verluste hatte, habe ich die Position einfach gehalten."
Kein Stop-Loss. Oder: Stop-Loss gesetzt, dann manuell verschoben weil „es sich doch noch drehen könnte". Oder: Stop-Loss in der Theorie verstanden, aber nie konsequent umgesetzt.
Risikomanagement ist das Fundament, auf dem alles andere aufbaut. Eine Strategie mit schlechtem Risikomanagement wird langfristig verlieren, egal wie gut die Einstiege sind. Eine Strategie mit solidem Risikomanagement kann eine niedrige Trefferquote haben und trotzdem profitabel sein.
Es ist auch das unattraktivste Thema im Trading. Content über Risikomanagement bekommt weniger Klicks als Content über „die beste Strategie 2025". Also bleibt es unterbelichtet — mit realen Konsequenzen.
Das Muster hinter den Mustern
Was mich nach 45 Gesprächen am meisten überrascht: Es liegt fast nie an Talent, Intelligenz oder Fleiß.
Die Menschen, die mit mir sprechen, sind oft außerordentlich diszipliniert — in ihrem Beruf, in ihrer Familie, in allem außer Trading. Ein Ingenieur, der täglich komplexe Projekte managt. Ein Selbständiger, der seit Jahren ein Unternehmen führt. Jemand, der Sport und Familie und Vollzeitjob unter einen Hut bringt.
Was fehlt, ist ein strukturierter Einstieg in ein Handwerk. Und genau das ist Trading: ein Handwerk. Es gibt Grundlagen, die man in einer bestimmten Reihenfolge lernen sollte. Es gibt Prinzipien, die unveränderlich sind. Es gibt Fehler, die jeder macht — und die man deshalb vorhersagen und abfangen kann.
Das erklärt auch, warum mehr Content das Problem nicht löst. Wer einem Handwerker-Lehrling zehntausend YouTube-Videos über Tischlerarbeiten zeigt, ohne dass er je selbst zur Säge greift: der wird kein Tischler.
Häufige Fragen
Warum kommen so viele Trading-Anfänger nicht voran, obwohl sie viel lernen?
Das häufigste Problem ist struktureller Natur: Es fehlt ein Fundament, auf dem Informationen eingeordnet werden können. Wer kein Verständnis von Marktstruktur und Risikomanagement hat, kann nicht beurteilen, welche der vielen Strategien und Meinungen sinnvoll sind. Das Ergebnis ist ein Flickenteppich aus widersprüchlichen Taktiken — kein System.
Wie lange dauert es realistisch, Trading zu lernen?
Das hängt stark vom Lernansatz ab. Wer strukturiert vorgeht — Fundament aufbauen, Paper Trading, dann Live-Trading mit kleinem Risiko — kann nach 3–6 Monaten erste realistische Einschätzungen machen. Wer unstrukturiert konsumiert, kann nach Jahren noch am Anfang stehen.
Kann man Trading neben einem Vollzeitjob lernen?
Ja — wenn man die richtige Strategie wählt. Swing Trading am Ende des Tages erfordert 30–60 Minuten nach Börsenschluss. Das ist mit Beruf und Familie vereinbar. Intraday-Daytrading ist es für die meisten Berufstätigen nicht.
Was sind die häufigsten Fehler beim Trading-Lernen?
Basierend auf 45 Gesprächen (Juli 2025 – Februar 2026): Informationsüberflutung ohne Filter (~75%), kein konsistentes System (~60%), emotionale Entscheidungen ohne Regelwerk (~55%), Zeitmangel durch die falsche Strategie (~50%), fehlendes Risikomanagement (~45%).
Was unterscheidet erfolgreiche Trading-Lernende von denen, die nicht vorankommen?
Drei Dinge: erstens ein klar definiertes System mit Regeln für Ein- und Ausstieg. Zweitens konsequentes Journaling und Auswertung der eigenen Trades. Drittens eine Strategie, die zum eigenen Alltag passt — nicht zum YouTube-Content eines Vollzeit-Traders.
Ich führe diese Gespräche persönlich, weil ich verstehen will, wo jemand wirklich steht — bevor er eine Entscheidung trifft. Wenn du selbst wissen willst, ob unser Ansatz zu dir passt, schau dir das Ausbildungsprogramm an.
Felix Hövelborn
Gründer von WirmachenTrader. Handelt seit über 14 Jahren. Experte für US-Aktien.